Seinen 100. Geburtstag hat er letztes Jahr gefeiert, am 27. Juli. Aber sein Alter sieht man ihm nicht an. In all den Jahren hat er von seiner Schönheit nichts eingebüßt. Aufrecht und erhaben, wie immer in grün gekleidet, steht er vor mir, in seiner stattlichen Länge von 110 Metern.

U-Bahnhof Eberswalder Straße

Ich treffe ihn auf dem Mittelstreifen der Schönhauser Allee im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Hier kreuzen sich der Ringboulevard Danziger und Eberswalder Straße und der Straßenzug Kastanien- und Pappelallee.

Geschichte hat er erlebt. Kaiser Wilhelm II, zwei Weltkriege, die DDR und jetzt die BRD. Aber ein stummer Zeitzeuge ist er nicht. Er hat viel zu erzählen. Vom 2. Weltkrieg, als er verletzt wurde und sie ihn wieder zusammen genietet haben. Dann die Taufe, im Jahr 1950, als er längst erwachsen war, und plötzlich Dimitroff hieß.

Filmstar und Currywurst

Aber an die 50er denkt er trotzdem gern zurück. Da begann sein Aufstieg. Der Film wurde auf ihn aufmerksam. Wegen seines weltstädtischen Charmes. 1957 die erste Hauptrolle. Ecke Schönhauser, so der Titel. Seitdem hat er seinen Spitznamen weg. Einige nennen ihn noch heute so. Fotoaufnahmen folgten. In den 60er Jahren zierte er eine Postkarte, zusammen mit seinem Kumpel Alex. 55 Jahre später dann das Comeback. Eine Statistenrolle neben dem großen Tom Schilling. Da wirkte er ein bisschen blass. Aber wie er sich gefreut hat. Über den deutschen Filmpreis. Oh, Boy war das toll. Jetzt ist er auf Zelluloid gebannt, in Schwarz-Weiß, nicht in grün.

Die wilden 60er begannen mit seinem Untermieter. Dem Konnopke oder „King of Currywurst“, wie er ihn heimlich nennt. Da gab’s schon frühmorgens vor 5 die erste Currywurst. Die Leute standen Schlange. Heute ist er längst eine Institution und mindestens genauso bekannt wie er. Sogar der Gerhard Schröder war mal da. Aber manchmal nervt ihn der ganze Trubel. Zusammenbruch im Mai 2010. Er wurde ruhig gestellt. Aber seit dem 22. Dezember 2010 ist er wieder fit. Und einen Aufzug hat er jetzt auch. Das freut viele seine 23.500 Gäste, die täglich vorbeikommen. Seit ’91 nennen sie ihn übrigens Eberswalder.

Fans und jede Menge Trubel

Fans und Verehrer hat er viele. Barbara ist eine von ihnen. Ihr wisst schon, die Thalheim, die letztes Jahr ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert hat. 1985, da war sie verliebt in ihn, sang ständig von der Sehnsucht nach der Schönhauser Allee und der Hochbahn. Und sogar dieser aufstrebende Schriftsteller, Wladimir Kaminer, der in der Nachbarschaft wohnt und immer in die Russendisko geht, hat ihn in einem seiner Bücher gewürdigt. Das erfüllt ihn mit Stolz.

Lächelnd steht er jetzt vor mir. Blass ist er nicht, obwohl er kaum schläft. Bei ihm ist immer viel los. Am Tag die ganzen Autos und Straßenbahnen. Der Strom der Berufspendler und Touristen. Am Abend die Nachtschwärmer, die es in die Szene-Treffs zieht. Die Straßenmusiker auf der Mittelinsel. Jetzt fährt auch noch die U2 ein. Es rattert. Es ist laut. Ich verstehe kein Wort mehr, steige ein und winke zum Abschied. Leise ist es bei ihm nie.

Fotos: Karin Kölker

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